"Confederate" oder die freiwillige Abschaffung der Kunstfreiheit

  • Hallo. Ich bin sauer; warum? Weil es anscheinend so aussieht, dass wir auf ein reaktionäres Zeitalter zusteuern, in dem man bestimmte Themen nicht mehr ansprechen darf ohne mit einem Shitstorm zu rechnen. Über diese Themen Videospiele, Filme oder Musik zu machen, wird in Zukunft sehr schwer werden.


    Anlass dazu ist die aktuelle Hexenjagd auf die Game of Thrones - Macher David Benioff und D.B. Weiss, die angekündigt haben als nächstes Projekt eine alternate history Serie zu machen (ähnlich zu "Man in the high Castle"), bei der die Konföderierten den amerikanischen Bürgerkrieg gewonnen haben. In der Serie gibt es auch in der heutigen Zeit noch Sklaverei.


    Es gibt Boykott-Aufrufe und Rassismus-Vorwürfe gegen die Macher und HBO. Warum? Die Macher sind weiß... Das ist ein absoluter Dammbruch, denn sonst regte man sich stets über die Darstellung von Themen auf, hier zum ersten mal bereits alleine deswegen, weil man es überhaupt zum Thema macht. Es ist noch keine Zeile Drehbuch geschrieben worden und noch kein einziger Schauspieler wurde gecastet.


    In den Köpfen der Kritiker ist Darstellung=Verherrlichung, Gutheißen... das ist das freiwillige (weil nicht staatlich verordnet) Ende der Kunstfreiheit.

  • Ja, ich geb dir Recht, es ist Blödsinn, das zu kritisieren, ohne etwas von der Aufarbeitung zu wissen. Ich bin auch ein wenig schockiert, schließlich sind Filme über Nazis oder Sklaverei schon seit langem "Normalität" und totschweigen von schwierigen Themen kann auch nicht die Lösung sein. Aber du bist mir da doch zu pessimistisch damit, dass das das Ende der Kunstfreiheit wäre. Das ist jetzt ein Fall, in dem seltsame und bedenkliche Reaktionen kommen, ja. Aber deshalb bricht doch nicht alles zusammen.

  • Ich sag da immer "Wehret den Anfängen". Außerdem werden bereits jetzt schon die Drehbuchschreiber nicht mehr unbefangen an den Stoff herangehen können. Dir sagt sicher der Begriff "Schere im Kopf" etwas.

    Aber es ist doch auch sehr gut möglich, dass alles andere normal weitergeht und in 10 Jahren ist das alles vergessen und dann können auch wieder Leute dieses Thema angehen

  • Rückblickend sind doch gerade die Amerikaner immer sehr empfindlich gegenüber solchen Themen.
    Es gab harte Kritik zu dem Thema des neuen Far Cry sowie auch zu "Dear White People" auf Netflix.
    Sobald es um Rassismus/Sklaverei und Religiöser Fanatismus geht, fühlt sich dort eine Gruppe angegriffen.
    Aber ich denke so wie @FullMetalJensen, dass sich das legen wird.

  • @Matze
    Ich hab jetzt mal den Times-Artikel gelesen und bleibe bei meiner Meinung, da ich die Argumente des Autors nicht stichhaltig finde.


    Zitat von NY Times

    These creators can imagine a world where the Confederacy won the Civil War and black people are still enslaved, but they can’t or aren’t interested in imagining a world where, say, things went in a completely different direction after the Civil War and, say, white people are enslaved.

    Woher will er das wissen? Vielleicht können sie sich beides vorstellen und fanden das halt interessanter. Es ist doch eben künstlerische Freiheit, dass man nicht machen muss, was einem einfällt, sondern dass man wählen kann, was man machen will.


    Zitat von NY Times

    It is curious that time and again, when people create alternate histories, they are largely replicating a history we already know, and intimately.

    Nein es ist nicht "curious". Viele Menschen wollen etwas, was halbwegs mit unserer Welt zusammenhängt und das ist auch gut so. Eine Serie, die sich ernsthaft mit Sklaverei auseinandersetzen will, aber erzählt dass wir von Anfang an von Dinosauriern versklavt wurden und die Dinosaurier im Jahr 2000 noch immer Menschen halten ist einfach sehr schwer für den Zuschauer anzunehmen und es Bedarf viel, sich dort hineinversetzen zu können. Wenn man sich aber Dinge nimmt wie die Nazis und die den Krieg gewinnen lässt können wir uns etwa vorstellen, dass das realistisch zustandekommen konnte und wie sich die Menschheit damit fühlen würde, wir kommen ins Grübeln "Ui, ein Glück ist das nicht passiert, hoffentlich wird es niemals wieder so knapp.". Wir können nachdenken, wie man das hätte verhindern können.
    Ab einem gewissen Punkt in unserer Geschichte war Afrika Europa technologisch so weit unterlegen, dass es einfach sehr viel unwirklicher, fiktiver wirken würde hätten die Sklaven irgendwann die Oberhand gewonnen und die Weißen versklavt.


    Zitat von NY Times

    I cannot help worrying that there are people, emboldened by this administration, who will watch a show like “Confederate and see it as inspiration, rather than a cautionary tale.

    Es ist nicht auszuschließen, keine Frage. Aber erstens kommt es sehr auf die Ausführung drauf an, zweitens ist es gut möglich, dass mehr Menschen daraus eine positive Lehre ziehen als Menschen die sich denken "oh cool machen wir auch" und drittens: Wenn wir über alles so nachdenken würden wäre das tatsächlich das von @meisterlampe_1989 beschworene Ende der Kunstfreiheit.


    Batman? Nee, was wenn jemand den Joker cool findet und ihn sich als Vorbild nimmt.
    Herr der Ringe? Auf keinen Fall, sonst will jemand wie Sauron die ganze Menschheit besiegen.
    Wolfenstein? Was wenn jemand für die Nazis rootet?
    Hunger Games? Leute könnten Spaß haben und sich denken "Oh, so ne Sendung sollten wir auch machen. Und Segregation is eh gut, dann hat man nichts mit diesen ekligen armen Leuten zu tun."

  • Mal im Bezug auf die Kunstfreiheit selbst. Wer sich als Künstler sieht, der wird zwangsläufig Widerstand inkauf nehmen müssen. Kunst, zumindest gute Kunst, hat immer eine Botschaft die zum nachdenken auffordert und dabei immer irgendwen irgendwie auf die Füße tritt. Das ist dann der Punkt bei dem es mit der Meinungsfreiheit weiter geht.


    Sowas muss ein Künstler eben aushalten, sogar wollen. Ohne Skandal, keine relevante Botschaft, keine gesellschaftliche Debatte. Wenn es hier also um Kunst geht, dann hat die schon einen Teilerfolg erzielt, einfach weil es die Debatte schon ohne das Produkt gibt.


    Was man auseinanderhalten muss ist der Kommerz. Hier geht es um priviligierte Künstler, die meisten hätten nicht mal die geringste Chance darauf, für sowas überhaupt einen Finanzierung zu bekommen. Und da wo Kunst und Kommerz zusammentreffen, bleibt Kunst zwangsläufig immer irgendwie mehr oder weniger auf der Strecke.


    Das gefährdet aber nicht die Kunstfreiheit, sonst hätten wir noch nie eine gehabt. Kunst ist nicht nur Geld und Kunst ist auch nicht für alles Geld zubekommen und trotzdem freie Hand zu haben. Noch wichtiger aber, der Künstler darf sich nie zum Opfer machen, sondern muss bereit sein Opfer bringen.



    tl;dr


    Kunst war schon immer Kampf und Kunstfreiheit entsteht nicht durch Kritiklosigkeit an der Kunst, oder durch eine Selbstverständlichkeit der Bedingungslosen Fremdfinanzierung.

  • Es ist nicht auszuschließen, keine Frage. Aber erstens kommt es sehr auf die Ausführung drauf an, zweitens ist es gut möglich, dass mehr Menschen daraus eine positive Lehre ziehen als Menschen die sich denken "oh cool machen wir auch" und drittens: Wenn wir über alles so nachdenken würden wäre das tatsächlich das von @meisterlampe_1989 beschworene Ende der Kunstfreiheit.


    Batman? Nee, was wenn jemand den Joker cool findet und ihn sich als Vorbild nimmt.
    Herr der Ringe? Auf keinen Fall, sonst will jemand wie Sauron die ganze Menschheit besiegen.
    Wolfenstein? Was wenn jemand für die Nazis rootet?
    Hunger Games? Leute könnten Spaß haben und sich denken "Oh, so ne Sendung sollten wir auch machen. Und Segregation is eh gut, dann hat man nichts mit diesen ekligen armen Leuten zu tun."

    Um da noch mal einzuhacken: Eine ähnliche Diskussion gab es ja auch bei uns als Mein Kampf öffentliches Gut wurde bzw. jedes Urheberrecht verfiel.


    Auch dort wurde dann wieder diskutiert, ob man dieses Buch als Neuauflage herrausbringen sollte, da es ja falsch verstanden werden könne... also der ganze Mist wieder.


    Und ja ich nenne sowas Mist, denn es gibt keine "böse" Kunst. Selbst Mein Kampf ist kein "böses" Buch, es gibt kein Medium das dich zu einem schlechten Menschen macht. Die Auswirkungen eines Buches hängen immer noch vom Menschen ab. Und dieses Argument: " ja aber dann könnten Leute sowas ja toll finden und Nazis werden." Ja dann seid dem verdammten Buch doch dankbar, dass es euch zeigt, dass diese Leute eine sehr eigene (wenn nicht sogar gefährliche) Lebensauffassung haben. Dann kann man auf diese Leute zugehen und herrausfinden warum sie so denken und sie vom Gegenteil überzeugen (und mal abgesehen von dem Wert den es für Lehre und Forschung hat, wenn man sich direkt an der Quelle informieren kann ohne Filter eines anderen Autors).


    Aber Zu Confederate:
    Ich sehe solche Kunst sehr gerne, die gesellschaftliche Probleme ins Rampenlicht rückt. Und dieses Aufschreien und verbieten wollen finde ich weit schlimmer. Es zeigt nämlich wie wir mit Rassismus mittlerweile umgehen, dass wir lieber solche Themen nicht gezeigt bekommen wollen, weil wir sie nicht konfrontieren wollen und nicht anerkennen wollen, dass sie immer noch präsent sind und man selbst oder der nette Nachbar sich von solchen Ideologien angesprochen fühlen. Es ist das Mantra des Mantels des Schweigens, lieber wegsehen und die Probleme ignorieren, als sich ihnen anzunehmen, denn das macht Arbeit und ist weit weniger schön.


    Die Ergebnisse hat man ja vor Kurzem erst mit den Neonazi-märschen in den USA gesehen, aber auch da wird dieses Mantra fortgeführt. Es wird niedergeschrien und niedergemacht, aber wirkliche Ursachensuche und Problembehebung wird nicht betrieben. Und nachdem wir alles Niedergeschrien haben können wir diese Leute als Extremisten brandmarken und wieder den Mantel des Schweigens darüber fallen lassen.