Tote Mädchen lügen nicht // 13 Reasons Why

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  • Hallo Zusammen,


    ich eröffne zu dieser Serie einen eigenen Thread, obwohl die Serie bereits das ein oder andere mal beiläufig thematisiert wurde. Grund dafür ist, dass die Serie offenbar ein enormes Diskussionspotential hat.


    Zunächst eine grobe Zusammenfassung für die, die noch überhaupt nichts von der Serie kennen.


    In "13 Reasons Why" werden die letzten Monate im Leben von Hannah Baker erzählt. Sie selbst hat auf insgesamt 13 Audiokassetten die Gründe aufgezählt, die aus Ihrer Sicht zu ihrem Selbstmord geführt haben. Die Kassetten lässt sie nach ihrem Tot an ehemalige Mitschüler ihrer Highschool zustellen. Jede dieser Kassetten fokussiert sich auf die Rolle eines dieser Mitschüler an Ihrem Tot. Die Serie selbst wird zum Teil aus Ihrer Perspektive, zum großen Teil aber aus Sicht von Clay Jensen erzählt. Er erhält die Kassetten überraschend einige Wochen nach Ihrem Tot. Es wird dargestellt, wie er damit umgeht, welche Beziehung er zu ihr hatte und welche Konsequenzen er daraus für sich und die anderen auf den Kassetten zieht.


    Die Serie ist vor allem bei der bildlichen Darstellung recht schonungslos. Das wirklich einzigartige an der Serie ist jedoch die Prämisse. Ein Selbstmord"opfer", das nicht nur einen Abschiedsbrief schreibt, sondern nüchtern, fast schon objektiv wirkend, den eigenen Selbstmord mit einer Audioaufzeichnung erklärt. Die Serie zeichnet sich ansonsten - meiner Meinung nach - kaum durch besonders gutes Writing aus, auch sind manche Handlungsstränge lange vorher absehbar. Erwähnenswert finde ich hierbei jedoch, dass auch als diese absehbaren Dinge eingetreten sind, die Wirkung nicht unbedingt schwächer war.


    Ich erstelle dazu einen Thread, weil jeder, mit dem ich über diese Serie rede, eine andere Art hat, mit ihr umzugehen und eine individuelle Erfahrung mit ihr gesammelt hat. Das reicht von Bekannten, die sich aus Furcht weigern nach der Hälfte der ersten Folge weiter zu sehen über Leute, die die blanke Wut packt, bis hin zu Leuten, die die Serie zwar als Unterhaltung schätzen können, aber über eventuelle Aussagen nicht allzu viele Gedanken verlieren.


    Meine eigenen Erfahrungen mit Suizid begrenzen sich auf meinen Großvater, der lange vor meiner Geburt meine damals jugendliche Mutter und meine Großmutter allein zurück ließ. Ein Umstand, zudem ich kaum eine eigene emotionale Bindung habe, aber der mich für das Thema zumindest sensibilisiert. Nicht zu letzt kenne ich über Freunde Menschen, die den eigenen Suizid angedroht haben. Jedoch kann ich nicht beurteilen, wie ernst die Gefahr in diesen Fällen tatsächlich gewesen ist.


    Was mich interessiert ist, wie die Serie auf die gewirkt hat, die sie (teilweise) gesehen haben und - sofern sie darüber reden wollen - ob und wenn ja, welche Art Bindung sie zu der Thematik haben. Oder selbst wenn ihr sie NICHT gesehen habt oder nicht sehen wollt, würde mich interessieren, was euch davon abhält.


    Ich möchte daraus nicht unbedingt einen Diskussionsthread über Suizid machen, denn mich interessiert tatsächlich ganz konkret die Reaktionen zu dieser Serie.


    Ich denke, ich muss nicht erwähnen, dass sofern es Antworten hierauf gibt, diese mit Respekt zu behandeln sind.


    Gruß
    Teranas

  • So, dann mach ich mal den Anfang. Die Serie gibt wirklich einiges
    an Diskussionsstoff her und da würde ich gerne mit einsteigen.


    Ich habe die Serie heute zu Ende geschaut und hier mal mein Resüme (Achtung SPOILER)
    Also ich persönlich mochte die Serie insgesamt nicht so sehr. Die Themen, die es
    anspricht sind sehr gut, ich finde sowas sollte auch medial angesprochen und nicht
    totgeschwiegen werden - Dinge wie Mobbing, Ausgrenzung und eben auch die
    Hilflosigkeit der Opfer, welche zu Dingen wie Selbstmord führen kann.


    Das hat vorallem mir zu Denken gegeben, weil ich leider in meiner Schule einen
    Klassenkameraden hatte, der sich umgebracht hatte. Ich hab also durchaus Parallelen
    in der Serie erkannt, die ich leider auch selbst erfahren habe.


    Aber ich finde Selbstmord wird in der Serie in einem sehr problematischen
    Licht dargestellt. Allein diese Sache mit den 13 Tapes lässt es eben so aussehen,
    dass die Figur Hannah einfach alle anderen dafür verantwortlich macht, das sie
    selbst sich das Leben nimmt. Aber es war Hannahs eigene Entscheidung und
    teilweise sind die Gründe auch durch eigenes Verschulden entstanden...
    Aber es wirkt halt fast wie eine Art Racheakt - und teilweise
    werden hier auch manche Leute für vollkommene Kleinigkeiten beschuldigt.
    Beispielsweise Figuren wie Alex, Jessica oder Zach haben eher kleinere Dinge
    getan. Dadurch wirkt es dann unglaubwürdig, wenn sie als EINER DER GRÜNDE für
    ihren Selbstmord dargestellt werden.
    Und darin liegt für mich auch die problematische Seite der Serie - mal angenommen
    jemand nimmt sich, inspiriert von der Serie, auch das Leben und macht ne Liste
    oder sowas, wo Menschen explizit als Gründe für den Suizid angegeben werden. Das ist eine
    wahnsinnige Last, wenn eine Person mit der Schuld umgehen muss, dass sie einen Selbstmord verursacht
    hat und sich selbst dann ständig Vorwürfe macht.. und das NUR weil sie mal was böses zu jemanden
    gesagt hat. Bei Charakteren wie dem Vergewaltiger oder dem Stalker verstehe ich, dass das ein Grund
    für Suizid sein kann, aber sonst... ganz ehrlich, ich hab auch schon böse Sachen zu Anderen gesagt, das hat
    wohl leider schon jeder irgendwann mal....Ich meine, in der Serie bringt sich Alex am Ende deswegen um,
    weil er ne hot or not Liste gemacht hat, wo Hannah auch noch als HOT drinstand? Alter Was?
    Also hat Hannah ihn damit sozusagen in den Tod getrieben, weil er sich wahrscheinlich so krasse Vorwürfe
    gemacht hat - na super :/


    das finde ich halt sehr schwierig....
    darüber hinaus haben mich einzelne DInge im Pacing der Story und in der Dialogführung
    gestört aber - für diesen Post reicht das wohl erstmal !

  • Ich habe die Serie jetzt in den letzten beiden Tagen durchgeschaut und muss sagen, dass sie auf rein künstlerischer und filmischer Sicht doch arge Schwächen hat. Die Dialogschreibe ist z.T. fürchterlich und auch die Handlung wirkt in vielen Teilen doch sehr konstruiert und wenig glaubwürdig. Nichts desto trotz hatte die Serie sehr viele Stärken (ohne die ich sie wohl kaum innerhalb von zwei Tagen durchgeschaut hätte).


    Erstmal aber muss ich sagen, dass ich gegenüber der Serie einige Vorurteile hatte und eigentlich keinen Bock hatte sie mir anzuschauen. Da ich zu dieser Serie ein Serientagebuch geführt habe und auch meine Gedanken vor der ersten Folge niedergeschrieben habe, kann ich meine Einschätzungen noch sehr gut nachvollziehen.


    Ich ging nämlich davon aus, dass diese Serie so ein typisches Betroffenheitsdrama sei, was mächtig manipulativ auf die Tränendrüse drückt. Ich zitiere einfach mal meine Gedanken, die ich vor der ersten Folge niedergeschrieben haben und die erklären, warum ich bisher keine Lust hatte sie mir anzuschauen:


    "Wahrscheinlich wird das doch wieder so ein typisches Betroffenheitsdrama über Mobbing. Das war doch bereits so oft Thema, ob in Amoklauffilmen, Mobbing-Debatten oder Ähnlichem. Braucht man da jetzt so ne große Netflix-Produktion; und warum bekommt das jetzt so einen Hype? Und dann sorgt die Serie im Internet auch noch für so viele Diskussionen? Was kann da bitte so kontrovers sein, dass man darüber vielfach reden müsste. Ja, Mobbing, Selbstmord das ist alles sehr schlimm, aber was ist an der Thematik jetzt so neu, dass diese durch jene Serie so eine Welle auslöst? Ich kann mir schon genau denken, wie das ablaufen wird: Triefende & total manipulative Tränendrüseninszenierung: Armes Mobbing-Opfer im Close-Up, tieftraurige Musik, die leiden Familie, die bösen Mobber und dann der tragische Selbstmord. Mittlerweile habe ich schon so viele Filme dieser Art gesehen, dass ich mich auf sowas nicht mehr wirklich einlassen will. Wenn dann die traurige Musik im Hintergrund anfängt, dann macht's bei mir Klick und ich sage mir, aha jetzt kommt die tieftraurige und manipulative Musik, die mich offensichtlich in eine emotionale und depressive Verfassung bringen möchte. Darauf habe ich mittlerweile einfach keine Lust mehr. Wahrscheinlich ist es aber genau das, das dafür sorgt, dass Millionen von Frauen & Mädchen nach dieser Serie heulend auf dem Sofa sitzen und erstmal in's Internet gehen und darüber reden müsste. Ein Erfolgsrezept einer Serie."


    Ja, erstmal eine sehr negative Ausgangslage. Wirkt natürlich recht "kalt", aber Serien/Filme müssen für mich einfach einen gewissen Unterhaltungswert haben und ich habe persönlich in der Regel recht wenig Interesse daran mir etwas anzuschauen, um mich dann in eine traurige Stimmung zu bringen.


    Die Serie hat mich dann aber wirklich sehr überrascht. Für mich war sie viel weniger trauriges und emotionales Drama. Viele der Folgen waren für das schwierige Thema ungewohnt leicht und fast schon klassische, amerikanische Highschool-Kino-Kost. Die Musik ist oftmals alles andere als traurig, fast schon eher fröhlich und unbedarft. Auch die Inszenierung in der Regel nicht depressiv. Teilweise hatte ich sogar das Gefühl, dass in dieser Serie Suizid lediglich als Mittel zum Zweck einer spannenden Mystery-Serie gebraucht werde (Kurze Inhaltsangabe aus meiner Erinnerung zur ersten Folge):
    Der Protagonist bekommt 13 mysteriöse Tapes eines toten Mädchens und will sie sich anhören, beim Anhören des ersten Tapes (man hört nur die ersten Worte des Mädchens), kommt seine Mutter rein - Anspannung - er wird mega nervös, wodurch der den Kassettenrekorder runterfallen lässt und dieser kaputt geht. Jetzt klaut er nem Kumpel dessen Kassettenrekorder, fährt in der Dunkelheit durch die Stadt, wird von einem Auto angefahren, doch der Adrenalinpegel bleibt oben, die Spannung ist da, was ist auf den Tapes, was erwartet uns? Er fährt weiter, dann wird er in der Nacht von einem unbekannten Auto verfolgt und flieht vor diesem. Das verstorbene Mädchen erzählt ihm auf dem Tape, dass er beobachtet werde: Der Thriller is real!
    In der zweiten Folge geht das genauso weiter:
    Clay sucht nach Antworten, erhält sie aber nicht. Während die Sprünge in die Vergangenheit Futter für die Handlung bieten, überschlagen sich die Ereignisse in der Gegenwart. Die Konfrontation mit ehemaligen Tape-Hörern erweist sich als schwierig, stattdessen weerden diese unruhig versuchen mit den Geschehnissen klar zu kommen. Man hat das Gefühl hier bauen sich Intrigen auf, Parteien & Gruppierungen bilden sich und irgendjemand weiß mehr als die anderen. Gegen Ende dann die große Enthüllung: Die Verbindungen reichen bis zur Mutter des toten Mädchens und so rast Tony bei einem Anruf jener Mutter untermalt von einem heroischen "Run Boy Run" in der Dunkelheit an Clay vorbei und die Spannung erreicht ihre Höhe.


    Diese Art der Mystery in vielen Teilen fast schon Thriller-Inszenierung der Serie hat mich hinterfragen lassen, ob das denn der richtige Weg sei, um mit dem Thema des Suizides umzugehen. Wie bereits erwähnt war mir vieles z.T. viel zu offensichtlich & offensiv auf Mystery-Box konstruiert: Wie geht es weiter? Wer steckt dahinter? Was erwartet uns? Was hat diese Person vor?
    In der Serie entwickeln sich dann jene verschiedenen "Parteien", die sich teilweise gegenüber stehen, gegeneinander agieren, Intrigen ausführen oder Ähnliches. Unterhaltsamer "Teenie-Highschool-Thriller".


    Vielleicht ist aber gerade auch diese "erfrischende" und unbedarfte Herangehensweise die richtige, um sich dem Thema anzunähern. Viel weniger offensichtliches Tränendrüsendrama und dafür ne interessante und spannende Geschichte. Andererseits kann man fragen, ob es überhaupt sein darf, dass eine derartige Geschichte spannend, interessant oder gar unterhaltsam ist?
    Ich bin bei der Serie drangeblieben, aber nicht wegen des Selbstmord-Themas, sondern wegen der gut untergebrachten Thriller- und Mystery-Box-Tropen, die eine durchaus spannende Highschool-Story draus gemacht haben.


    Sehr gut gefallen haben mir die zeitlichen Rückblicke und Übergänge. Da sind den Machern schöne Kniffe eingefallen, um die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit bei diesen Rückblicken verschwimmen zu lassen, wodurch sie nicht zu stark konstruriert und offensichtlich eingebaut wirken (wobei man über das sehr offensive Erkennungsmerkmal der Wunde an Clays Kopf durchaus streiten kann). Wie Clay, der sich die Tapes anhört und dabei live in der Gegenwart bei den realen orten ist, so wird auch für den Zuschauer die Trennmauer von Vergangenheit und Gegenwart geschickt verwischt.


    Gegen Ende hat mich die Serie dann doch emotionaler mitgenommen als ich erwartet hätte. In großen Teilen hat die Serie als Highschool-Sitcom (Michmach aus Mystery-Thriller-Comedy und Drama) richtig Spaß gemacht, wenn aber nicht das Suizidthema wie ein Damoklesschwert über der Serie geschwebt hätte. Immer wieder dachte ich mir, die Serie ist gerade richtig unterhaltsam und auch lustig (!), ist das okay, darf ich jetzt über die lustigen One-Liner und Situationskomiken durch die Eltern lachen? Vielleicht ist aber auch gerade das die Prämisse? Den Alltag möglichst ungeschönt, realistisch und eben auch amüsant zeigen, um Kontraste aufzubauen und einen dann am Ende richtig in die Magengrube zu hauen?
    Denn das hat funktioniert. Ab ca. Folge 9 war ich emotional immer stärker involviert und hat mich auch getroffen. Man weiß wie es ausgeht, aber es hat mich dann doch mitgenommen.


    Kritisch sehe ich jedoch wie mein Vorredner @Benson, dass die Serie für Suizidgefährdete wahrscheinlich nicht die beste Kost sein dürfte. Wie weltweit von vielen Psychotherapeuten und anderweitigen Experten kritisiert, könnte die Serie einen typischen Werther-Effekt auslösen, also Suizid bei Gefährdeten befördern.
    Die Serie zeigt wenig Alternativen und Lösungsansätze für Hannah, sondern vor allem wie sie mit den Tapes nach ihrem Tod für Aufruhr, Bestrafung und Unruhe gezeigt hat. Man könnte fast sagen, dass die Serie durch den Suizid und den Tape-Botschaften möglichen Gefährdeten eine Idee gebe, was denn sie machen könnten, um nach ihrem Tod noch zu bestrafen oder Aufmerksamkeit zu erlangen.


    Für jedoch nicht-Gefährdete also normale Konsumenten wie du und ich kann ich die Serie durchaus empfehlen. Sie kann ein für ein verstärktes Alltagsbewusstsein sorgen. Da würde ich @Benson etwas widersprechen bzw. relativieren. Du kritisierst z.B., dass Hannah in der Serie Menschen für Kleinigkeiten die Schuld an ihrem Tod gibt.
    Die Serie heißt "13 Reasons Why". Natürlich sind nicht alle Gründe gleichgewichtig, aber es ist die Addition dieser die letztendlich zum Suizid gebracht hat. Wäre nur die Vergewaltigung passiert, hätte sie sich vielleicht nicht umgebracht. Wäre sie vorher durch das Verhalten von Alex & Jessica nicht von ihren sozialen Kontakten getrennt und zunehmend isoliert worden, wäre es aber vielleicht auch nicht passiert.


    So Dinge wie ne "Hot or Not"-Dinge gab es in ähnlicher Form auch in meiner Schulzeit. Da hat sich keiner umgebracht. Die Serie oder Hannah sagt ja auch nicht, dass DIES der Grund war, warum sie sich umgebracht hat, sondern es ist das Versatzstück einer Entwicklung, die sich immer weiter verschlimmert hat. Dadurch schafft die Serie hoffentlich ein gewisses Alltagsbewusstsein für unseren täglichen Umgang miteinander.


    Nur, weil wir alle, wie du es beschreibst, im Leben, insbesondere in der Schulzeit mal was schlechtes oder böses zu anderen sagen und derjenige sich dann nicht umgebracht hat, macht es das aber nicht besser. Denn bei jemandem, der emotional nicht so gefestigt ist, der in einer gefährdeten Position steht, kann jedes schlechte Worte sich dann anfühlen, wie ein Messer, was in den Körper gerammt wird. Von außen können Menschen oftmals sehr gut ihre innere Verfassung verstecken, aber innerlich können sie völlig gebrochen sein. Da kann alleine schon eine Hot or Not-Liste ein Versatzstück von sehr sehr vielen sein, die sehr verletzen.


    Wie gesagt ich kritisiere auch, dass die Serie durchaus Potenzial zur Nachahmung bietet, aber im Gegensatz dazu eben für nicht-Gefährdete die Chance zu einem stärkeren Alltagsbewusstsein für Kommunikation und zwischenmenschliches Miteinander bietet.


    Denn Schule kann auch in Deutschland sehr sehr hart sein. Viele Schüler quälen sich tagtäglich in die Schule. Leiden, sind sozial isoliert, aber zeigen es nicht offen nach draußen. Eine fast schon beiläufige Beleidigung durch einen Mitschüler, der das selbst vielleicht gar nicht so offensiv meint, kann bei dem Betroffenen dann aber doch viel stärker aufgenommen werden.
    Ich glaube, dass innerhalb der Schule in der allgemeinen Kommunikation durchaus eine Kultur von beiläufigem Hass, Missgunst und Niedermachen besteht, dass dafür ein verstärktes Bewusstsein nichts falsches ist.


    In der letzten Folge sagt Clay als er den Raum des Schulpsychologen verlässt "Wir müssen uns bessern, in der Art wie wir miteinander umgehen und Acht gebe aufeinander; das muss irgendwie besser werden." Das habe ich dahingehend interpretiert wie ich es obig beschrieben habe.


    Ich persönlich habe in meiner Schulzeit zum Glück kein Mobbing erfahren müssen. Auch habe ich keinerlei Erfahrung mit Suizid oder Ähnlichem. Wenn ich mich aber an meine Schulzeit zurück erinnere, dann muss ich teilweise an die Personen aus der Klasse denken, die eben dieser gewissen "Alltagsablehnung" ausgesetzt waren, die immer wieder einen Spruch abbekommen haben, die nicht die beliebtesten waren, die beim Sport immer als Letzte genommen wurden, mit denen in der Gruppenarbeit vielleicht niemand zusammen arbeiten wollte, die in der Pause vielleicht recht isoliert und alleine rumstanden oder vielleicht sogar mal körperliche Gewalt ertragen mussten (damit meine ich nicht, dass sie verprügelt wurden, aber ein Schupsen beim Anstehen oder so kann da schon reichen). Ich kann da auch leider nicht von mir sagen, dass ich da der super Typ war, der geholfen hat, sondern im Gegenteil hab auch ich in diesem Alltagsverhalten mitgemacht. Kein aggressives oder offensives Mobbing, aber alleine schon ein unschöner Spitzname für denjenigen oder immer wieder negativen Sprüche, die man selbst gar nicht als derartig schlimm ansieht, die für denjengien aber wahrscheinlich doch viel viel schlimmer gewesen sein können. In der Retrospektive muss ich da sagen, dass Kinder/Jugendliche oftmals richtig Arschlöcher sind und ich mich frage, wie man so wenig Empathie gehabt haben kann. Damals hatte ich aber dafür einfach nicht das Bewusstsein und ich kann mir vorstellen, dass das in der heutigen Zeit durch soziale Medien eventuell noch schlimmer sein kann als zu meiner Schulzeit, wo Smartphones erst gegen Ende aufkamen. Ein verstärktes Bewusstsein für die "Alltagsablehnung/Ignoranz/Hass", die dafür sorgen kann, dass man einfach mal netter miteinander umgeht und auch den isolierten Jungen aus der Klasse integriert und eben nicht bei dem unschönen Spitznamen, sondern beim richtigen Namen nennt, kann schon ein wichtiger Schritt sein. Es geht ja nicht nur darum Suizid zu verhindern, sondern dass Kinder/Jugendliche lieber in die Schule gehen, damit nicht jeder Tag eine Qual sein muss.


    Die Serie bietet also durchaus mehr Diskussionspotenzial als ich es zu Beginn erwartet hätte. Jetzt soll's das aber erstmal für meinen Beitrag sein.

  • Ich habe mir diese Serie nun auch angesehen und stehe der Umsetzung zwiegespalten gegenüber. Auf der einen Seite finde ich es stark, dass 13 Reasons Why mehr erreichen möchte als oberflächliche Unterhaltung in Serienform, dass die Serie handwerklich sehr gut gemacht ist und dass man viele heikle Situationen gekonnt und realitätsnah eingefangen hat. Klasse ist zudem, dass die Serie eine weitgehend klare, nüchterne Haltung einnimmt und dadurch einen Charakter bekommt, vor dem sich andere Serien fürchten und dadurch letztendlich in Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit verwässern. Weiterhin hofft man nach so einer Serie natürlich, dass die Diskussionen, die daraus entstehen, für mehr Aufmerksamkeit und Rücksicht in unserer Gesellschaft sorgen werden.


    Das große Problem von 13 Reasons Why ist in meinen Augen aber die sehr leichte Instrumentalisierung der Serie in alle möglichen Richtungen. Ich sehe es als große Schwäche der Serie, dass man an vielen Stellen gewisse Vorlagen für problematische Denkansätze geliefert hat und dass aus diesem Werk sowohl eine Besserung der Situation, als auch Verschlechterung bei bestimmten Menschen resultieren kann. Fraglich ist außerdem die gigantische Aufbauschung dieser Serie durch Netflix und die Medienberichterstattung. Vor dem Hintergrund der potentiell verstörenden Bilder v.a. gegen Ende der Serie, finde ich es fragwürdig, dass 13 Reasons Why gerade für viele jüngere Zuschauer so leicht zugänglich ist und dass diverse Internetseiten den Hype und den Erfolg rund um Hannah Baker so krass pushen. Doch auch inhaltlich war ich mit einigen Elementen nicht einverstanden und finde es in erster Linie enttäuschend, dass diese Serie nur subtil vermittelt, dass vieles darin sehr einseitig und konstruiert erscheint.


    Unter'm Strich also eine handwerklich gut gemacht Serie, die für viele positive Diskussionsrunden, aber leider auch für zahlreiche Missverständnisse und negative Instrumentalisierung sorgen kann. Aktuell sehe ich die Serie daher kritisch und frage mich, welche Folgen das Ganze in nahe Zukunft noch haben wird.

  • Ich finde es ganz schön vermessen ein Verbot so einer Serie zu fordern. Zunächst einmal ist sie von der Kunstfreiheit gedeckt. Das heißt der Staat darf sie gar nicht verbieten. Das wäre nämlich staatliche Zensur und die findet in Deutschland nicht statt, höchst grundgesetzlich.


    Um die Serie zu beschlagnahmen (was nicht den Besitz verbietet) fehlt der Straftatbestand. Die Serie ist keine verfassungsfeindliche Propaganda, keine Kinderporographie und ebenso nicht gewaltverherrlichend.


    Der einzige Weg, den ich sehe, ist die Serie auf Liste A als jugendgefährdend zu indizieren, was allerdings nicht einfach ist, wenn die Serie bereits eine FSK-Freigabe hat.


    Das heißt die Ärzte und Jugendpsychiater dürfen zwar warnen, aber ein Verbot zu fordern zeugt nicht gerade von der Achtung der Freiheit anderer (erwachsener) Personen das zu konsumieren, was sie wollen.


    Netflix verweist zurecht darauf, dass die Serie bereits hinter einer Sperre läuft und es Warntafeln gibt.

  • Jep - Die Serie zu verbieten finde ich auch vollkommen lächerlich.


    Abgesehen davon, dass ein Verbot der Serie Zensur wäre, führt Prohibition meistens
    sowieso eher dazu, dass die Serie dann umso mehr Aufmerksamkeit erhält und
    deshalb wahrscheinlich noch eher geschaut wird. Besonders in der heutigen
    Zeit, wo eh schon alles im Internet verbreitet ist und von jedem abgerufen
    werden kann.

  • Jep - Die Serie zu verbieten finde ich auch vollkommen lächerlich.

    Naja. So lächerlich ist das nicht. Die wollen halt auch nur das Beste für Kinder und Jugendliche und da zielt man gerne mal lieber mit der Schrotflinte auf Spatzen.


    Hinzu kommt eine gewisse "Betriebsblindheit". Die haben Tag für Tag mit Suizid zu tun und werden damit konfrontiert. Die haben eine ganz andere Haltung zu dem Thema und eben auch zu solchen Darstellungen in Filmen oder Serien.


    Frag mal jemanden der Drogensüchtige betreut, was er von Gras hält. Juristen und Kriminologen fordern seit Jahren das zu legalisieren, weil es keinen gesellschaftlichen Schaden anrichtet. Wissenschaftler und Suchtforscher bestätigen immer wieder, dass es als Erwachsener in Maßen konsumiert, außerhalb der Schäden an der Lunge durch den Tabak, nur wenige Risiken gibt und es keine körperliche Abhängigkeit gibt (anders als bei Alkohol), "nur" potenziell eine psychische. Und trotzdem wird dir so ein Psychiater oder Arzt, der Drogensüchtige betreut sagen, das Gras eine teuflische Einstiegsdroge ist. Warum sagen sie das : Sie sehen Tag ein Tag aus nur die Leute, bei denen es schief gelaufen ist.


    Vor ein paar Jahren gab es mal eine Talkshow zu Computerspielsucht und es wurde jemand von der Charité in Berlin eingeladen. Dieser Psychologe betreute Computerspielsüchtige. Und für ihn gab es nur eins, was bei Kindern gelten sollte: Vollständige Abstinenz von Computerspielen. Die Kinder bloß nicht an den PC lassen!


    Ich kann solche Menschen verstehen, woher sie kommen.

  • Das Stimmt! Und ich kann solche Meinungen ja nachvollziehen...
    Aber das ist es ja... nur weil man
    persönlich negative Erfahrungen im Umkreis mit etwas erlebt hat,
    muss man das ja nicht auf die Allgemeinheit beziehen.


    Zum beispiel gibt es viele Menschen, die alkoholabhängig sind
    aber da ist es ja auch nicht die Lösung Alkohol komplett zu verbieten
    (wie zb 1920 bei der Prohibition damals in USA) sondern man schafft
    eben Institutionen, wo Menschen geholfen wird bzw. klärt über Risiken
    solcher gefährdenen Dinge auf.


    Außerdem geht es hier um eine Serie... man kann Serien oder Computerspiele
    doch nicht auf die selbe Stufe wie Drogen und Waffen stellen...

  • Außerdem geht es hier um eine Serie... man kann Serien oder Computerspiele
    doch nicht auf die selbe Stufe wie Drogen und Waffen stellen...

    Dann frag mal unsere Bundesdrogenbeauftragte.


    http://www.gamestar.de/artikel…r-spielsucht,3273846.html


    Oder die Amerikanische Gesellschaft für Psychiatrie und die WHO.


    http://www.sueddeutsche.de/dig…t-werden-sollen-1.3509072


    Ist Off-Topic. Aber das wollte ich dir noch schreiben.

  • Skelettarius!


    Gestern habe auch ich die letzte Folge gesehen und habe das Bedürfnis meine Gedanken loszuwerden. Kurze Warnung: Ich nehme keine Rücksicht auf Spoiler!


    Fangen wir mal mit dem einfachsten an, der Serie als solche.

    Gefallen haben mir vor allem die Szenenübergänge von Vergangenheit zu Gegenwart und umgekehrt.

    Clever fand ich, dass man anhand der Kopfverletzung Clays immer sehen konnte, ob man sich aktuell in einem Rückblick befindet oder nicht.

    Leider war bei den Rückblenden auch nahezu immer so ein gelber Filter auf dem Bild, als hätte nach Hannahs Tod die Sonne für immer aufgehört zu scheinen (ist ne Kleinigkeit, aber stört mich)

    Über andere „handwerklichen“ Aspekte der Serie kann ich nicht viel sagen, dazu fehlt mir das Knowhow.


    Kommen wir zum schwierigen Teil...der Handlung und dem Inhalt.

    Die Serie hat mich von der ersten Folge an in ihren Bann gezogen. Das Setting und die Handlung ist, wie wir Amerikaner sagen, „relatable“. Jeder hat auf die eine oder andere Weise mit Mobbing zu tun oder zu tun gehabt.

    Es geht mal nicht um Horden von Untoten, die es gilt mittels Drachen aufzuhalten, irgendwelche Drogenbosse oder korrupte Anwälte.

    „Tote Mädchen lügen nicht“ hat mich insgesamt doch sehr mitgenommen. Ich kann mich recht gut in Situationen hineinversetzen, was super ist um zu verstehen wie jemand sich fühlt oder eben Unterhaltungsmedien sehr intensiv zu erleben.

    Auf der Kehrseite sorgt das natürlich auch dafür, dass einen eine Serie mit solch heiteren Themen wie Mobbing, Vergewaltigung und Suizid mich nicht nur sehr mitnehmen, sondern auch lange bei mir bleiben.

    Dadurch wurde z.B. Jede Szene mit Hannahs Eltern zu einer regelrechten Qual.

    Und genau das ist es was diese Serie teilweise so gut gemacht hat. Emotionen auslösen, Situationen nachvollziehbar und auf gewisse Art und weise erlebbar zu machen, die die meisten von uns hoffentlich nie erleben müssen.

    Umso ärgerlicher ist es, dass einige der Charaktere sehr simpel und überzeichnet wirken.


    Allen voran der Vertrauenslehrer. Ich verstehe ja, was man damit abbilden wollte und ich fürchte, dass die Realität nicht so weit weg ist, aber komm schon!

    Hannah hätte sich buchstäblich vor ihn stellen können, sich die Pulsadern aufschneiden können und er hätte wahrscheinlich sowas gesagt wie „Das ist eine schwere Situation...wenn Sie reden möchten, meine Tür steht Ihnen immer offen.“


    Clay ging mir in der mitte der Serie nur noch auf die Nerven, als er immer mit erhobenem Zeigefinger durch die Gegend gelaufen ist. Aber immerhin hat das nach dem Hören seiner Kassette aufgehört.


    Bryce...ich mein, was für ein langweiliger Charakter. Er ist en vergewaltigendes Arschloch...Ende.


    Marcus war leider auch ein bisschen öde.


    Zum Glück haben die restlichen Charaktere das für mich wieder rausgerissen.


    Was ich nicht unbedingt gebraucht hätte, war die explizite Darstellung von Hannahs Suizid. Die Szene war unfassbar schwer anzusehen und gleichzeitig regelrecht hypnotisierend. Das merkwürdige war...ich habe es kommen sehen, ich wusste genau was passieren wird, irgendwie habe ich fast darauf gewartet und doch war es überraschend und erschreckend wie explizit die Szene war.

    Ich verstehe, dass man hier zeigen wollte, wie grässlich Selbstmord ist und das ist auch definitiv gelungen, aber ich frage mich, ob man da nicht übers Ziel hinaus geschossen hat.

    Die Serie wird definiv noch eine ganze Weile bei mir bleiben und vielleicht gucke ich sie eines Tages sogar nochmal um auf Kleinigkeiten zu achten...aber nicht so bald im Moment muss ich das gesehene erst einmal verarbeiten.

  • Ich habe gerade die fünfte Folge der zweiten Staffel geschaut und irgendwie macht mich diese Serie fertig. Ich finds schade, dass die Geschichte ganz extreme Schwächen und Logiklücken hat, weil die Serie es besser schafft als jegliches andere Medium, dass ich davor kannte die Gedankengänge von Jugendlichen wirklich nachzuvollziehen. Ich bin selbst erst 19 war vor einem Jahr selbst noch in der Schule und diese Serie spricht mir in so vielen Punkten einfach aus der Seele (keine Angst, ich bin nicht Suizid gefährdet, das sollte ich an der Stelle denke ich hinzufügen). Und gerade das ist so frustrierend, dass ich zum ersten mal in meinem Leben das Gefühl habe ein Autor hat es geschafft den Mikrokosmus einer Schule gut einzufangen, bis plötzlich wieder irgendein Klischee aus der Luft gegriffen wird, das mich alle genialen Szenen davor gleich wieder vergessen lässt. So oder so, da die erste Staffel eigentlich eine abgeschlossene Geschichte war, bin ich überrascht, dass mir die zweite Staffel überhaupt noch gefällt und alles in allem tut sie das.

  • Ich war auch wirklich überrascht, dass mir die zweite Staffel so gut gefallen hat. Da ich erst überhaupt nicht begeistert von der Idee einer 2. Staffel war. Auf der einen Seite finde ich es total spannend, dass die Geschichte rund um Hannah so viele Wendungen bekommen hat, aber irgendwie hat mich genau das auch gestört, da mir teilweise die "Original"-Geschichte zu sehr verfälscht wurde.

    Netflix hat gestern die 3. Staffel für 2019 bestätigt. Was haltet ihr davon?

  • Ich fand die zweite Staffel schrecklich.

    Die Identität der Serie, nämlich dass es sich so anfühlt als könnte es wirklich an einer echzen High School passieren, geht komplett verloren.

    Entscheidungen einzelner Charaktere innerhalb der Serie machen wenig bis gar keinen Sinn. Dann kommt noch dazu, dass über die Hälfte der Serie einfach sehr zäher Filler ist und viele Charaktere nur noch eindimensional und nur noch über ihre Störung/Traumatas definiert werden. Der gesamte Tyler "Storyark" fühlt sich dumm und erzwungen an.

    Verdammt inkonsequent ist die Serie dabei auch noch: während in Staffel 1 etabliert wurde, dass während Clays Halluzinationen weiterhin Zeit vergeht und Clays Umfeld sein Verhalten merkt, ist es den Leuten im Café wohl egal dass Clay lautstark mit einer Halluzination redet (und wie unfassbar Klischeehaft damit umgegangen wird). Des weiteren werden Drogen gleichzeitig verharmlost UND verteufelt, entscheidet euch doch wenigstens!